Kenah Cusanit: Babel

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„Babylon Berlin“ lautet der Titel einer 2017 erstmals ausgestrahlten TV-Serie, die im Berlin der späten 1920er Jahre spielt. Plakativ identifiziert der Serientitel das moderne Berlin mit dem antiken Babylon. Das Nebeneinanderstellen der beiden Städtenamen ruft die biblische Metaphorik der „Hure Babylon“ auf, um die moderne Großstadt als Moloch und „Sündenbabel“ zu charakterisieren. Dabei kann sich der Serientitel auf einen schon im frühen 20. Jahrhundert gängigen Vergleich von Berlin und Babylon beziehen: Michael Weidenhan und Andrea Polaschegg haben in ihrer Anthologie Berlin – Babylon: Eine deutsche Faszination (2017) zahlreiche Textzeugnisse zu diesem Thema zusammengetragen und gezeigt, dass negative ebenso wie positive Referenzen auf Babylon gängige Münze für das Selbstverständnis Berlins waren.

„Berlin ≠ Babylon“ lautet dagegen die Formel, mit der Kenah Cusanit in ihrem Romandebüt Babel dem Verhältnis beider Städte auf die Spur zu kommen versucht. Die Ungleichung stammt von dem Altorientalisten Robert Koldewey, der von 1899 bis 1917 die Ausgrabungen der frühen Metropole leitete und den Cusanit zum Helden ihres Romans gemacht hat. Oder genauer gesagt: zum Antihelden, denn Koldewey gräbt im Roman keineswegs, sondern tut über 200 Seiten lang fast gar nichts. Ein schwerer Fall von Oblomowschtschina, an der nicht nur der Protagonist leidet, sondern auch der Roman, der von ihm erzählt.

Wir schreiben das Jahr 1913, den Vorabend des Ersten Weltkriegs, der mit dem Untergang des Osmanischen Reichs auch die Altorientalistik für immer verändern wird. Koldewey liegt mit schlimmen Bauchschmerzen in seinem Zimmer nahe der Ausgrabungsstätte und sinniert: über sich, über die Archäologie und über die Briefe, durch die er sich mit anderen Gelehrten über die Ausgrabung verständigt. Koldewey ist ein ungewöhnlicher Archäologe: Er wehrt sich gegen die von der Deutschen Orientalischen Gesellschaft gewünschte Vermessung und Katalogisierung der babylonischen Artefakte, er veröffentlicht nichts, er will die Ausgrabungsstätten lieber aquarellieren als fotografieren. In der Anfangsszene des Romans versucht er über viele Seiten, die Entfernung der Zimmertür zu schätzen. Dabei kann er sich nicht bewegen, weil er eine Blinddarmentzündung an sich diagnostiziert hat und einen Durchbruch befürchtet. Erst viel später wird der Bauchschmerz sich als eine harmlose Verstopfung erweisen.

Aber die Bewegungslosigkeit ist auch Programm: Koldewey will sich seinen Gegenständen denkend und schreibend nähern, nicht mit den Methoden der modernen Wissenschaft. Dabei leitet ihn der Gedanke: „Je weiter entfernt der Ort lag, den man über eine Briefkorrespondenz erreichen wollte, desto mehr musste man, um dorthin zu gelangen, sich von seiner lokalen Art zu denken und zu handeln entfernen“. Diese Entfernung sucht der Roman durch eine extreme Verlangsamung des Erzählens zu erreichen. Während in der erzählten Zeit fast nichts passiert – Koldewey liegt in seinem Zimmer, später kippt er sich einen Rizinus rein und spaziert dann zur Ausgrabung – erstreckt sich die Erzählzeit über 272 Seiten, die fast ausschließlich in Koldeweys Kopf spielen. Koldewey denkt und sinniert, Koldewey erinnert sich an Ausgrabungen und Weggefährten und an einen Besuch in Berlin.

Auch wenn diese Reflexionen teilweise durch die Koldeweys eingebildete Krankheit motiviert sind, die ihn zum Stillsitzen zwingt, geraten dabei die Figur und ihre Situation immer weiter aus dem Blick. Kurz gesagt: Koldewey dient über weite Strecken des Romans lediglich als eine Art Anker für essayistische und altertumswissenschaftliche Exkurse über die Sumerer, Babylonier, Assyrer und Perser, über ihre Geschichte und ihre Bauwerke, besonders das bekannte babylonische Ischtartor, das im Roman in Kisten an der Ausgrabungsstätte lagert und heute im Pergamonmuseum in Berlin zu besichtigen ist, sowie die beiden babylonischen Zentraltempel Etemenanki (besser bekannt als Turm zu Babel) und Esagila (der diesem Hochtempel korrespondierende Tieftempel). Auch Organisation und Personal der Deutschen Orientgesellschaft werden ausführlich vorgestellt, besonders der Philologe Delitzsch, im Roman Koldeweys Antipode, der den Berliner Bildungsbürgern mit aufsehenerregenden Vorträgen seine Bibel-Babel-These erläutert, nach der die mythologischen Erzählungen im Buch Genesis auf babylonischen Mythen basieren.

Mit der ausführlichen Darstellung dieser Ausgrabungsgeschichte schreibt sich der Roman in die heftig geführten gegenwärtigen Debatten über die Rückgabe ethnologischer und archäologischer Artefakte aus europäischen Museen ein. Auch das Pergamonmuseum wurde 2010 mit einer Rückgabeforderung konfrontiert, als die türkische Regierung Anspruch auf eine hethitische Sphinx erhob, die sich seit 1934 in Berlin befand. Tatsächlich gab die Bundesregierung der Forderung 2011 nach. Andernfalls hatte die Türkei damit gedroht, dem Deutschen Archäologischen Institut die Grabungsgenehmigung zu entziehen.

Ein Roman, der sich derart in aktuelle Debatten um Herkünfte und Ansprüche archäologischer Objekte einschreibt, muss sich auch darauf befragen lassen, wie er sich in diesen Diskursen positioniert; zum mindesten muss er damit rechnen, dass die Leserin diese Frage stellt. Es ist deshalb auffällig, in welchem Ausmaß der Roman dieser Frage aus dem Weg geht. Er scheint sie nicht einmal zu bemerken. Ethische, politische und juristische Fragen der Rechtmäßigkeit kolonialer Erwerbungskontexte spielen im Roman keine explizite Rolle. Statt Ansprüche und Formen kultureller Appropriation gegeneinander abzuwägen, arbeitet Babel mit einem starren Gegensatzschema von Orient und Okzident, in dem das Orientalische selbstverständlich abgewertet wird – so, wenn jemand als „hoffnungslos orientalisierte Ehefrau“ bezeichnet wird – und „orientalische“ Figuren vollkommen im Hintergrund bleiben, dienende Ausgrabungshelfer und lächerliche Pferdediebe. Zwar stammen diese abschätzigen Wertungen von der Figur Koldewey, aber die Romanerzählung setzt der Götter-Gräber-und-Gelehrte-Heldenerzählung keine nicht-westlichen Perspektiven entgegen.

Manchmal wird es etwas bildungshuberisch: Welcher Herrscher baute welchen Tempel und wer zerstörte ihn wieder? Gerne werden diese Wissensexkurse durch rhetorische Fragen eingeleitet, die dem Konkurrenten Delitzsch zugeschrieben werden, um dann dessen Antworten zu referieren. So lernen wir, dass die Babylonier die Sieben-Tage-Woche und das Hexagesimalsystem erfunden haben, das wir noch heute bei der Zeitmessung und bei der Winkelmessung verwenden. Generell setzt die Romanerzählung über ein bestimmtes bildungsbürgerlich grundiertes Bild des Archäologen als Entdecker hinaus nicht viel Vorwissen voraus, was umgekehrt bedeutet, dass die Leserin sehr viel erzählt bekommt, was sie gar nicht unbedingt wissen muss (oder vielleicht auch will). Die Liste der 72 Namen, die in den als neuen Turm zu Babel konzipierten Eiffelturm eingraviert wurden, hätte sich Cusanit beispielsweise auch gut sparen können, ebenso die Chiffren, die sich die deutsche Orientgesellschaft für den bevorstehenden Kriegsausbruch ausgedacht hat, oder die umständliche Geschichte des Bootes, das von Treptow nach Bagdad verschifft werden soll, um Personen und Waren auf dem Tigris von Bagdad nach Assur und Mossul zu transportieren.

Deutlich lehnen sich diese Redundanzen an die Erzählweise Thomas Bernhards an, besonders an dessen Roman Korrektur. Hier findet sich bereits das extrem zeitdehnende Erzählen, das in der Unfähigkeit des Erzählers (bei Cusanit: der Reflektorfigur) wurzelt, ein Werk zu vollenden; das breit ausgewalzte Motiv des Wühlens in Textmaterial, Notizen und Briefen; der hypotaktische Stil; die auffällige Erzählweise, bei der ständig Meinungen Dritter in indirekter Rede referiert werden, wobei die übertrieben häufige Nennung von Eigennamen auch als Mittel der Strukturierung und Rhythmisierung dienen. Neben Bernhard wird W.G. Sebald als zweites wichtiges Vorbild sichtbar: Ihm verdankt Babel die Vorstellung des Textes als Gedächtnisraum, das Faible für Fotografien, die Vorliebe für gelehrte Exkurse, die erzählerische Nutzung der Reflexion als Vorwand für Essayistisches, den geringen Anteil fiktionalen Erzählens und den blassen Protagonisten, der eher Sprachrohr der Autorin als eigenständige Figur ist.

Ganz am Ende des Romans wird deutlich, warum Koldewey sich so stark von Berlin abgrenzen muss: Berlin heute ist genau wie Babel damals – aber ganz anders als Babel heute. Koldewey erinnert sich, wie sehr ihn der moderne Großstadtverkehr bei seinem letzten Besuch überforderte – während Babel im Dornröschenschlaf liegt; und er stellt fest, dass auch in Berlin gegraben wird – aber nicht nach Antiquitäten, sondern für den Bau der neuen U-Bahn. Während in Berlin die Stadttore abgerissen werden, um Platz für den wachsenden Verkehr zu machen, wird das babylonische Ischtartor als Ausstellungsstück nach Berlin transportiert. So wird Berlin zum dritten Babylon, in dem der Kaiser sich „in einer Reihe mit Nebukadnezar“ sieht und sich ausmalt, „welche Wirkung Ischtartor und Prozessionsstraße im Museum haben würden“. Dass die Ausgrabungen so klar der politischen Legitimation imperialer Herrschaft dienen, könnte auf Kritik deuten, aber die Kritik bleibt vage. Koldeweys Vorhaben am Ende des Romans scheint jedenfalls nicht ironisch zu sein:

„Gleich würde [Koldewey] beginnen, Skizzen anzufertigen, später aquarellieren: seine Vorstellung eines Mythos in dem Augenblick, da dieser auf die Realität traf, bevor die Realität sich allmählich ausbreitete und der Mythos eine Gestalt annähme, die seine Enthüllung rechtfertigte. Zu aquarellieren war keine präzise Tätigkeit. Es war eine unvollständige Aufnahme von Unausgegrabenem, mit der Absicht, es vollständig erscheinen zu lassen, indem man versuchte, alle Sinne in die Darstellung miteinzubeziehen“.

Der Roman ist eine solche unvollständige Aufnahme, die ebenso wie Koldeweys Skizzen „der Blickrichtung des europäischen Betrachters entgegen“ kommt – und in der nicht-europäische Betrachter nicht vorgesehen wird. Am Ende steht die Apotheose des Archäologen, vor dessen Blick die Steine Babylons daliegen, „wie auf ein Zeichen eines vierten Evangelisten wartend, den Menschen, der käme und sie ausgrübe und wieder zusammenfügte“.

 

 

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